Blick auf den Elektronikmarkt - „Ein oszillierendes System braucht Bedämpfung – und die kann die Distribution leisten.“

31.01.2024 Know-How

Eine starke Volatilität, lange Lieferzeiten, volle Läger, die fehlende „goldene Schraube“ – die Elektronik-Lieferketten standen in den letzten Monaten stark im Blickfeld. Über die Einflussfaktoren, die aktuelle Situation und die Marktaussichten sprechen wir mit Jan Stoll, Business Development Manager bei Rutronik, und Andreas Mangler, Director Strategic Marketing und Prokurist bei Rutronik. 

Wie bewerten Sie die aktuelle Situation im Elektronikmarkt?

Jan Stoll: Die Frage lässt sich nicht beantworten, ohne das größere Bild anzuschauen. Das bedeutet einerseits, die gesamte Weltwirtschaft und andererseits auch die Entwicklungen in den letzten 20 oder gar 50 Jahren zu betrachten. Gesamtwirtschaftlich befinden wir uns in einer Rezession, haben die Talsohle aber in manchen Ländern erreicht. Das zeigt der PMI (Purchasing Manager Index), der zahlreiche Faktoren einbezieht und deshalb ein guter Indikator für das künftige Verhalten der Märkte ist. Demnach sind die Aussichten für 2024 positiv, allerdings gibt es regionale bzw. länderspezifische Unterschiede. Zum Beispiel ist die Situation in China aktuell besser als in vielen anderen Ländern, wenngleich die Immobilienkrise dort wie ein Damoklesschwert über diesem Markt schwebt. Deutschland sticht zurzeit im internationalen Vergleich mit dem schlechtesten Wirtschaftsklima hervor. Andererseits war hier aber auch der positive Ausschlag 2021 höher.

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Andreas Mangler: Es gehört zum Risikomanagement von Unternehmen, diese globalen Entwicklungen im Blick zu behalten. Für Rutronik ist Regionalisierung deshalb ein wichtiger Aspekt: Wir werden mehr und mehr Ingenieure in den Ländern haben, sodass sich die landesspezifischen Ausschläge dadurch ausgleichen. Das zweitgrößte Team außerhalb Deutschlands haben wir in China, somit wird Rutronik an der positiven Entwicklung dort teilhaben. Von der stärkeren Regionalisierung profitieren auch unsere internationalen Kunden, weil sie noch mehr Unterstützung direkt vor Ort bekommen. Das können wir einfach und schnell umsetzen, weil wir von Anfang an auf weltweit identische Prozesse und IT-Systeme gesetzt haben. Das ist ein Vorteil auch für unsere Kunden mit Fertigungsstätten in mehreren Ländern, die überall alles aus einer Hand bekommen, mit denselben Prozessen und derselben Qualität.

Sie hatten vorhin noch die historische Betrachtung angesprochen. Welche Erkenntnisse ergeben sich daraus?

Stoll: Wenn man die langen Reihen der Entwicklung des Bauelementemarktes betrachtet, sieht man, dass die aktuellen Ausschläge nach oben und unten zwar sehr ausgeprägt sind, die Krisen der letzten zehn, 20 Jahre – also das Platzen der Dot-Com-Blase zur Jahrtausendwende, die große Bankenkrise 2009 und die Covid-Krise 2019/2020 – noch extremere Ausschläge verursacht haben. Das heißt: Auch große Ausschläge sind, zumindest über einen längeren Zeitraum betrachtet, eher die Normalität als die Ausnahme.

Aber es gibt einen Unterschied: Wir haben aktuell relativ starke Ausschläge, befinden uns aber gar nicht in einer Krise dieser Ausmaße. Das Beschaffungsverhalten der verarbeitenden Industrie im Bauelementemarkt zeigt also eine Entwicklung, die gesamtwirtschaftlich betrachtet nicht dem realen nationalen und internationalen Konjunkturverlauf entspricht. Der Markt war überhitzt, was sich in hohen Lagerbeständen der Kunden widergespiegelt hat. In Kombination mit der Inflation, den hohen Energiepreisen und weiteren Faktoren, welche das Geschäftsklima trüben, sind wir aber derzeit gesamtwirtschaftlich betrachtet in einer weniger prekären Situation als zum Beispiel während der Covid- oder der Bankenkrise. Doch der Beschaffungsmarkt der verarbeitenden Industrie hat ein Dispositionsverhalten, als ob wir uns in einer vergleichbar tiefen Krise befinden würden. Und das ist definitiv nicht der Fall.

Was der historische Vergleich auch zeigt, ist, dass die Frequenz und die Amplitude der Ausschläge immer höher werden, Verknappung und Überangebot wechseln sich immer schneller ab.

Worauf führen Sie das zurück?

Mangler: Dafür gibt es mehrere Einflussfaktoren. Da gibt es nach wie vor die fehlende „goldene Schraube“, ohne die nicht produziert werden kann. Aber genau das sind oft Ultra-Hightech-Produkte, die den USP, den Technologievorsprung des Produkts ausmachen, die also auch nicht einfach substituiert werden können.

Und selbstverständlich spielt das Beschaffungsverhalten eine Rolle. In Boomphasen kommt es schnell zu massiven Überbuchungen, die Läger füllen sich. Das kann einerseits zu Cash-Flow-Problemen und andererseits zu Überproduktionen seitens der Komponentenhersteller führen. Dieser Trend wird auch durch nur unzureichend konfigurierte bzw. parametrisierte ERP- bzw. Warenwirtschaftssysteme unterstützt, die teilweise überreagieren. Somit verläuft die Beschaffung in Sprungfunktionen und Endmärkte sowie Produktionsabläufe haben meist stetig ansteigende und abfallende Verläufe. Das setzt sich in der gesamten Beschaffungskette fort. Die Beteiligten in der Supply Chain steuern mit einem Stop-and-go-Beschaffungsprinzip und möchten eigentlich einen kontinuierlichen Warenverkehrsfluss. Das kann einfach nicht funktionieren. Moderne, KI-basierende ERP-Systeme können viele Parameter einkalkulieren und mit statistischen Filtern zu intelligenteren Ergebnissen kommen.

Aktuell beobachten wir, dass die Lagerbestände bei den globalen EMS-Dienstleistern unter das Vorjahresniveau gefallen sind, sodass eine Beschaffungsphase bevorsteht. Unser dringender Appell an die Kunden ist es, jetzt nicht zu stornieren, sodass sich die Situation mit massiven Doppelbuchungen und allem, was damit zusammenhängt, 2024 und 2025 nicht wiederholt. Kontinuität im eigenen Verhalten ist wichtig, um die großen Ausschläge am Markt, die immer wahrscheinlicher und häufiger werden, zumindest ein wenig auszumanövrieren. Ganz glätten lassen sie sich nicht, weil noch andere Faktoren hinzukommen.

Welche meinen Sie damit?

Mangler: Das angesprochene Liquiditätsproblem durch die vollen Läger führt vermehrt zu Mergers und Acquisitions. Jeder Merger hat massiven Einfluss auf die Verkaufs- und Einkaufskanäle, denn es fällt jedes Mal ein Kanal weg und die Lagerhaltung, die z. B. vorher auf zwei Schultern verteilt war, lastet nur noch auf einer. Auch die Zahl der Entscheider verringert sich, jeder Manager hat größere Volumina zu verantworten, was auch zu stärkeren Schwankungen beiträgt. Außerdem werden in diesem Zuge Produktionsstätten häufig verlagert, integriert oder zentralisiert, sodass es zu Verzögerungen in der Fertigung und Logistik kommt. Das alles bedeutet mehr Abhängigkeit und weniger Flexibilität, außerdem eine regionale Konzentration: Im Hightech-Bereich gibt es fast nur noch amerikanische Unternehmen, die sich auch regional organisieren – zum Leidwesen der europäischen und asiatischen Kunden.

Es gibt ja auch den Trend, dass sich Hersteller komplett aus der Distribution zurückziehen.

Mangler: Völlig richtig. Das sehe ich als eine gefährliche Entwicklung. Denn damit geht jegliche Flexibilität verloren, die die Distribution mit ihren Systemen und Lägern schafft. Wenn die Distributionskanäle abgekoppelt werden, beginnt das gesamte System zu oszillieren. Wie man aus der Regelungstechnik weiß, braucht es für oszillierende Systeme eine Bedämpfung bzw. Puffer – und die lässt sich durch die Distribution, ihre Läger und Prozesse erreichen. Das ist eine ganz wichtige Aufgabe der Distribution.

Hinzu kommt, dass vor allem europäische Kunden das Nachsehen haben, wenn ihnen nur noch der Direktkanal offensteht. Denn hier haben wir einen Multisegmentmarkt mit vorwiegend mittelständischen Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen. Auch wenn sie hohe Umsätze erzielen, haben sie oft einen im Vergleich zu internationalen Großkonzernen relativ kleinen Elektronikbedarf. Damit sind sie im Weltmarkt eine kleine Nummer, deren Interessen kaum berücksichtigt werden. Selbst in der Distribution gibt es diese Tendenz schon, weil auch hier eine Konzentration stattfindet: Über 60 Prozent der Umsätze werden von den zehn größten Distributoren weltweit gemanagt. Hier sehen wir eine wichtige Aufgabe für Rutronik.

Worin besteht die?

Mangler: Wir wollen die mittelständischen Unternehmen stärken. Das machen wir zum Beispiel mit den Rutronik System Solutions. Dabei gießen wir ganz neue Ansätze in Lösungen aus Hardware und Software, die wir unseren langjährigen Kunden zur Verfügung stellen. Sie können damit ihre Entwicklungszeit deutlich verkürzen und einen Innovationsvorsprung erzielen, auch wenn sie nicht wie die Konzerne über hunderte Ingenieure verfügen.

Apropos Innovationen: Aus welchen Bereichen kommen aus Ihrer Sicht die stärksten Impulse für neue Lösungsansätze?  

Stoll: Ein starker Impuls geht von der Notwendigkeit aus, dem Klimawandel zu begegnen. Die gestiegenen Energiepreise durch den Ukraine-Krieg haben die Bereitschaft noch beschleunigt, in grüne Technologien zu investieren. Davon profitiert der Elektronikmarkt, zum Beispiel durch Heizungsumrüstungen, Smart-Home-Geräte und Photovoltaik-Anlagen. Ein anderes Beispiel ist die Transformation hin zu alternativen Energieträgern, etwa bei Brennstoffzellen-basierenden LKWs oder Wasserstoff-basierenden Prozessen in der produzierenden Großindustrie. Dadurch entsteht eine ganze Reihe neuer Anwendungen, von der Sensorik rund um die Brennstoffzelle bis zu Elektrolyseanlagen und Pipelines, zukünftig auch die Leckageüberwachung für Wasserstofftanks sowie sicherheitsrelevante Systeme für Wasserstoff-Tankstellen.

Der Mobilitätsmarkt wird den Prognosen zufolge im Jahr 2035 zwar gesättigt sein, doch weil der Elektronikanteil in den Fahrzeugen stetig steigt, wird die Elektronikindustrie hier auch langfristig ein Wachstum verzeichnen. Auch in der Landwirtschaft steigen die Elektronikbedarfe stetig. Immer mehr Sensorik kommt zum Einsatz, z. B. um Pestizide, Düngemittel und Wasser nur noch ganz gezielt zu verwenden – perfektioniert in der vertikalen Landwirtschaft.

Wie beurteilen Sie das Hype-Thema KI?

Hier sehen wir einen starken Trend zu KI bzw. Machine-Learning in der Edge. Der wurde ja schon längere Zeit propagiert. Doch nun wird er durch die Aktivitäten der großen Player im Markt und die ersten großen Gewinner in diesem Marktsegment, z. B. Nividia, deutlich. Es werden dezentrale Systeme aufgebaut – und zwar in allen Bereichen, von den Konsumgütern bis zur Robotik. Das liegt auch daran, dass mehr Low-Code KI- und ML-Anwendungen verfügbar sind, mit denen sich intelligente Systeme leichter aufbauen lassen. Häufig sind das Bild- bzw. Kamera-basierende Systeme, aber auch optische auf Basis von Radar, Lidar oder Ultraschall. Sie brauchen performante Mikrocontroller und FPGAs, die schnelle Entscheidungen ermöglichen, außerdem VOC- oder andere Sensoren, mit denen auch das Thema Sensorfusion ins Spiel kommt.

Gleichzeitig können KI-Tools wie ChatGPT die Nachfrage nach Servern wieder ankurbeln, die durch den breiten Ausstieg aus den Kryptowährungen stark eingebrochen ist. Bei den Konzernen, die hinter diesen KI-Anwendungen stehen – Microsoft, Amazon, Google und Co – ist auch das Kapital für große Investitionen vorhanden. Das kann allerdings wiederum dazu führen, dass die großen Foundries sich auf diese Produkte konzentrieren und weniger Fertigungskapazitäten für andere Märkte zur Verfügung stehen, etwa für die Mobilitätsindustrie.   

Also eine komplexe Gemengelage. Wenn Sie abschließend das Gesamtbild betrachten, sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch?   

Mangler: Eindeutig optimistisch. Hier komme ich wieder auf die Betrachtung der langen Zeitreihen zurück: Über die letzten fünf Jahrzehnte ist die Bauelementindustrie auf einem Wachstumspfad von sieben bis acht Prozent per anno – und den wird sie auch in Zukunft nicht verlassen. Unsere 50 Jahre Markterfahrung und Marktbeobachtung als Unternehmen sagen uns, wie es weiter geht. Das ist das Schöne an der Sache.

 


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