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Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

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Tagtäglich pendeln Millionen Arbeitnehmer mit dem Auto zur Arbeit und zurück. Die Freude am Fahren ist ihnen dabei schon längst abhandengekommen, denn Staus und verstopfte Innenstädte sorgen dafür, dass man einen Gutteil seines Weges nur schleichend zurücklegt. Wir bei Rutronik24 kennen das aus eigener Erfahrung. Das stresst, nervt und belastet das Klima, weshalb einige Städte bereits Fahrverbote für Diesel-Pkw verhängt haben. Gleichzeitig ist der Öffentliche Personennahverkehr meist unzuverlässig, so dass der Umstieg auf Bus und Bahn für die meisten keine ernstzunehmende Alternative. Doch was wäre, wenn man einen Teil des Verkehrs einfach in die Luft verlegt?

Das Start-up Volocopter aus Bruchsal tüftelt schon seit 2011 an einem autonomen Flugtaxi, das speziell in verstopften Innenstädten und auf festgelegten Routen zum Einsatz kommen soll. 2017 gelang dem Unternehmen ein erster Testflug über bewohntem Gebiet: Acht Minuten war das Flugtaxi in Dubai City in der Luft. Inzwischen wurden weit über 1000 Testflüge durchgeführt, Zulassungen für unbemannte Testflüge gibt es für Deutschland, Dubai, Helsinki und Singapur, wie es auf der Website des Unternehmens heißt.

Mitte September folgte dann die Bewährungsprobe in Deutschland – wenn auch unter etwas anderen Bedingungen: In Stuttgart absolvierte der Volocopter einen vierminütigen Testflug über einem Fußballfeld vor dem Mercedes-Museum in Stuttgart. Der Test war ein Erfolg – was wenig überraschend anmutet, da der doppelt so lange Testflug schon vor zwei Jahren erfolgreich war. Hundertprozentig autonom fliegt das Flugtaxi allerdings noch nicht: Beim Test wurde der Velocopter vom Boden aus durch einen Piloten ferngesteuert.

Für den Massentransport ist der Volocopter – der wie eine Mischung aus Drohne und Helikopter anmutet – übrigens nicht gedacht: Maximal zwei Passagiere inklusive Handgepäck mit einem Gesamtgewicht von 200 Kilogramm kann das Fluggerät transportieren. Die Reichweite beträgt 35 Kilometer, was für Einsätze in der Innenstadt, für die der Volocopter gedacht ist, vollkommen ausreicht. Die Geschwindigkeit von 110 Km/h übertrifft in jedem Fall die Fahrtgeschwindigkeit in Innenstädten bei weitem, so dass sich für die Fluggäste eine deutliche Zeitersparnis ergibt.

18 Rotoren, angetrieben von bürstenlosen DC-Elektromotoren, halten die Maschine in der Luft, der Durchmesser eines einzelnen Rotors beträgt 2,30 Meter. Für die Energieversorgung sorgen neun wiederaufladbare Lithium-Ionen-Batteriepacks, die sich innerhalb von fünf Minuten wechseln lassen. Damit sind die Flugtaxis klimaneutral unterwegs – ein weiterer Vorteil in ohnehin schon durch Feinstaub und sonstige Abgase belasteten Innenstädten. Durch die Hubschraubern eigene Fähigkeit, senkrecht zu starten, sind keine Landebahnen erforderlich, entsprechend wenig Platz benötigen die Flugtaxis, was ebenfalls für dieses Konzept spricht.

Ausdrückliches Ziel von Velocopter ist es außerdem, diese Art der Mobilität für alle Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, so dass nicht nur VIPs, sondern auch Normalsterbliche schnell von einem Punkt der Stadt zum anderen gelangen können. Das Konzept überzeugt offensichtlich auch große Unternehmen: Seit 2017 gehört Daimler zu den Teilhabern der Firma, kürzlich stieg auch der chinesische Daimler-Großaktionär Geely ein. Gemeinsam planen die beiden Unternehmen ein Joint-Venture, um die Taxis in Chinas Megacities zu etablieren. In Anbetracht der noch einmal deutlich größeren Dimensionen der Städte in China eine logische Folge für das Start-up. Das alles führt dazu, dass Velocopter inzwischen mit 85 Millionen Euro bewertet wird, eine weitere Finanzierungsrunde soll es demnächst geben.

Technisch und finanziell gesehen läuft es also gut für Velocopter. Womöglich gelangt das Flugtaxi im Laufe der nächsten Jahre zur Serienreife. Doch vertrauen die Menschen der Technik? Schließlich ist autonomes Fliegen noch einmal etwas anderes als autonomes Fahren, wo man zur Not noch eingreifen könnte. Eine Blitzumfrage bei uns im Büro hat ergeben, dass zwei Drittel der Befragten (noch) kein Vertrauen in die Technik haben und erst einmal lieber im Stau stehen würden als womöglich mit dem Flugtaxi vom Himmel zu fallen. Wenn die Technik allerdings eine Weile unfallfrei im Einsatz ist, würde die Hälfte der Skeptiker dann doch einen Flug wagen.

Egal wie: Bis es soweit ist, dass Flugtaxis zum Alltag gehören, bleiben uns zwei Alternativen: Im Stau stehen oder am Bahnhof darauf hoffen, dass der Zug keine Verspätung hat.