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Deutschland ist im Weltraumfieber, seit Alexander „Astro-Alex“ Gerst am 6. Juni vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur aus mit einer Sojus-Rakete zur Internationalen Weltraumstation ISS abhob und zwei Tage später wohlbehalten an der ISS andockte. Gerst wird als zweiter Europäer und erster Deutscher überhaupt das Kommando der Raumstation übernehmen, die bis Dezember dieses Jahres dauert.

Auch wir bei Rutronik24 haben mit Astro-Alex mitgefiebert, denn als Science-Fiction-Fans fasziniert uns der Weltraum schon seit Kindertagen. Mit den Abenteuern von Luke Skywalker oder Captain Kirk hat die Mission von Alexander Gerst allerdings nichts zu tun - und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Sternenzerstörer durchs Bild rast, ist auch eher gering.

Gerst steht jedenfalls in einer langen Reihe erfolgreicher Astronauten - beziehungsweise Kosmonauten, wie man Raumfahrer in der Sowjetunion nannte und in Russland bis heute nennt. Der erste Mensch im All war Kosmonaut: Am 12. April 1961 absolvierte Juri Alexejewitsch Gagarin den ersten bemannten Raumflug der Menschheitsgeschichte und umrundete nach offiziellen Angaben in 108 Minuten einmal die Erde. Das ließ die Amerikaner aufhorchen, die nach dem Sputnik-Schock von 1957, als die Sowjetunion mit Sputnik 1 den ersten künstlichen Erdsatelliten in die Umlaufbahn schossen, das "Space Race" aufgenommen hatten. Schon im Mai 1961 folgte mit Alan Shepard der erste Amerikaner im Weltall, allerdings ohne die Erde zu umrunden.

Das Rennen ins All hatten die Amerikaner damit verloren, den Wettlauf zum Mond sollten sie jedoch gewinnen: 1969 betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond. Die Euphorie rund um die unendlichen Weiten erfasste natürlich auch die Bundesrepublik und die DDR. Beim "German Space Race" hatte die DDR die Nase vorn: Sigmund Jähn war ab dem 26. August 1978 sieben Tage an Bord der sowjetischen Raumstation "Saljut 6". Erst fünf Jahre später, am 28. November 1983, folgte mit Ulf Merbold der erste Westdeutsche, der im Spacelab-Modul wissenschaftliche Experimente durchführte.

Der Aufenthalt im All diente allerdings nicht reinen Propagandazwecken: Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn stand im Vordergrund - natürlich auch, um im Wettlauf der Systeme die Nase vorn zu haben. Um möglichst viel über den Weltraum herauszufinden, lag es also nahe, Raumstationen zu errichten. So konnten die Astro- beziehungsweise Kosmonauten, die meistens gleichzeitig ausgebildete Wissenschaftler waren, Experimente zu unterschiedlichsten Themen durchführen. Und auch hier hatte die UdSSR die Nase vorn: Am 19. April 1971 nahm die "Saljut 1" ihren Betrieb auf und blieb bis 11. Oktober des gleichen Jahres im All. 24 Tage lang lebte eine Besatzung auf der Station - mit tragischem Ende: Alle drei Besatzungsmitglieder starben auf dem Rückflug mit einem Sojus-Raumschiff beim Wiedereintritt.

Die nächsten beiden Missionen scheiterten, dann brachten die Amerikaner ihr "Skylab" ins All und stellte mit 171 Besatzungstagen einen neuen Rekord auf - der 1977 durch "Saljut 6", der ersten wiederauftankbaren Raumstation, (683 Tage) gebrochen wurde. Am 19. Februar 1986 schließlich nahm eine Legende ihren Betrieb auf: Die Raumstation "Mir" (russisch für "Frieden" oder "Welt") bot bis zu ihrem kontrollierten Absturz im März 2001 28 Langzeitbesatzungen für insgesamt 6.436 Tage ein Zuhause. Seit 20. November 1998 befindet sich die ISS im Orbit. Sie hat mit 303.663 Kilogramm mehr als doppelt so viel Masse wie die "Mir" und bot bisher 56 Langzeitbesatzungen für mehr als 6.400 Tage ein Zuhause - rekordverdächtig.

Apropos Rekorde: Einen Platz in den Geschichtsbüchern hat Astro-Alex als erster deutscher Kommandant auf jeden Fall sicher. Einige andere Rekorde sind für Gerst aber voraussichtlich unerreichbar, zum Beispiel für die längste Gesamtzeit im Weltraum: Diesen Rekord hält mit 878 Tagen von 1998 bis 2015 Gennadi Padalka aus Russland. In den Top 10 stehen insgesamt neun Kosmonauten - allesamt Männer. Auf dem achten Rang steht mit 665 Tagen Peggy Whitson - Amerikanerin und die einzige Frau in der Rangliste. Der höchstplatzierte Astronaut außerhalb der beiden großen Weltraumnationen ist übrigens mit 350 Tagen ein Deutscher: Thomas Reiter.

Den insgesamt längsten Raumflug absolvierte mit 437 Tagen Waleri Poljakow aus Russland vom 8. Januar 1994 bis 22. März 1995, den Rekord für die längste Zeit auf dem Mond halten Eugene Cernan und Jack Schmitt: Im Rahmen der Apollo-17-Mission hielten sie sich vom 11. bis 14. Dezember 1972 für fast 75 Stunden auf dem Erdtrabanten auf. Die meisten Raumflüge - nämlich insgesamt sieben - können die Amerikaner Jerry Ross und Franklin Chang-Diaz vorweisen. Ausflüge ins Weltall außerhalb eines Shuttles oder einer Station sind bei Forschungsmissionen häufig nötig. Hier hält Anatoli Solowjow aus Russland mit 16 Weltraumausstiegen den Rekord, insgesamt hielt er sich in den acht Jahren seiner Tätigkeit im All 78 Stunden und 48 Minuten im All auf. Am längsten außerhalb einer Station hielten sich James Voss und Susan Helms im Jahr 2001 auf, um Arbeiten an der ISS durchzuführen. Dafür brauchten sie acht Stunden und 56 Minuten. Und dass Alter nicht vor Raumfahrt schützt, beweist John Glenn, der zum Zeitpunkt der STS-95-Mission stolze 77 Jahre alt war. Zwischen seiner letzten und der vorletzten Mission lagen 36 Jahre.

Das alles ist ein Beweis für die ungeheure Faszination, die der Weltraum auf die Menschen ausübt - trotz aller widriger Umstände wie Schwerelosigkeit, engem Raum, und... Essen aus der Tube. Oder? Falsch! Als Gerst vom Weltraumbahnhof Baikonur zu seiner Mission aufbrach, begleiteten ihn etliche Dosen mit insgesamt sechs Mahlzeiten, darunter Käsespätzle, Ofenschlupfer mit Zwetschgen, Linsen mit Spätzle und Saitenwürste - und Maultaschen. Ein Stück Heimat zum Essen, sozusagen. Entwickelt hat das Essen der Lufthansa-Caterer LSG. Eine Herausforderung dabei: Durch den veränderten Luftdruck und die andere Luftfeuchtigkeit leidet der Geschmackssinn. Das kann man schon auf normalen Flügen bemerken, im Weltall ist es noch einmal eine andere Hausnummer. Einfach nur mehr Salz ranschütten, bringt da nichts, zumal man aufgrund der Schwerelosigkeit Muskeln und Knochensubstanz verliert und spezielle Nährstoffe benötigt.

Dafür haben die Experten eine Lösung gefunden, die mit wenig Salz auskommt, aber trotzdem schmeckt. Kräuter und Gewürze verstärken den Geschmack. Auch die Herausforderungen hinsichtlich Konsistenz und Haltbarkeit haben sie gelöst. Es ist also alles angerichtet für die lange Mission von Alexander Gerst. Und es ist doch gut zu wissen, dass er auch in unendlichen Weiten nicht auf den Geschmack von Maultaschen verzichten muss. Das würden wir nämlich auch nicht!