Rutronik News

Stromerzeugung unter den Augen der Loreley

  Newsletter Article

Die Zukunft gehört erneuerbaren Energieformen. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten, Strom aus natürlichen Quellen zu gewinnen. Zu den bekanntesten gehören Solarzellen, Windräder, Bioenergie-Kraftwerke und Wasserkraftanlagen. Prominentes und beeindruckendes Beispiel: der Hoover Dam in Colorado. Allerdings sind gerade Staudämme ökologisch nicht ganz unbedenklich, da sie unter anderem heimische Fischarten verdrängen oder die Flora und Fauna beeinträchtigen. Dass es eine Nummer kleiner und – hoffentlich – umweltfreundlicher geht, will ein Projekt mit Strom-Bojen auf dem Mittelrhein bei St. Goar zeigen.

Wenige Kilometer vom berühmten Loreleyfelsen entfernt sollen künftig 16 Strom-Bojen 400.000 Kilowattstunden pro Jahr produzieren - so viel wie ein Windrad. Die torpedoförmigen Mini-Wasserkraftwerke sind elf Meter lang, wiegen sieben Tonnen und haben einen Rotordurchmesser von zweieinhalb Metern. Die Rheinströmung im Prinzensteiner Fahrwasser, einem Nebenarm des Rheins ohne Berufsschifffahrt bei St. Goar, soll den Rotor antreiben, ein damit verbundener Generator erzeugt den Strom. Am Rheingrund sind Stromkabel fixiert, die den Strom von den Bojen ans Ufer und bis zu einer hochwasserfreien Trafostation transportieren. Von dort aus führt ein weiteres Kabel zum Stromnetz von Fellen, einem Stadtteil von St. Goar.

Die Vorteile liegen - glaubt man den Gründern des Unternehmens Strom-Boje Mittelrhein, Norbert Burkart und Christian Hanne, auf der Hand: Es sind keine großen Bauarbeiten erforderlich, keine Staudämme nötig, die Turbinen machen keinen Lärm und das Welterbe Oberes Mittelrheintal wird nicht beeinträchtigt. Zudem gibt es - anders als bei stillstehenden Windrädern - keine Nutzungspausen. Doch besteht nicht die Gefahr, dass Fische in die Turbinen geraten und durch die Rotoren gewissermaßen geschreddert werden?

Die beiden Unternehmensgründer verneinen das: Die Propeller drehen sich nur 60 bis 120 Mal pro Minute, die Schwingungen halten Fische dagegen sogar davon ab, die Turbine zu durchschwimmen. Der österreichische Bojenhersteller Aqua Libre habe eigene Untersuchungen angestellt, bei denen sich keine Probleme ergeben hatten. Um ganz sicherzugehen, ist für Strom-Boje Mittelrhein ein Fisch-Monitoring mittels Videokameras vorgeschrieben.

Ann-Sybil Kuckuk vom Naturschutzbund Rheinland-Pfalz hält große Windräder an bestimmten Standorten sogar für einige Tiere für gefährlicher, wie etwa Rotmilane und Fledermäuse. Die riesigen Staustufen und Wasserkraftwerke seien laut der Geschäftsführerin der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins in Koblenz, Anne Schulte-Wülwer-Leidig, für Fische gefährlich, da sich immer wieder größere Fische wie Aale darin verletzen. Das sei bei Strom-Bojen nicht gegeben.

Allgemein gibt es im Rhein ohnehin nicht viele Stellen, an denen die Mini-Wasserkraftwerke überhaupt betrieben werden können, denn einerseits muss die Strömung für den Betrieb ausreichen, andererseits darf auch die Schifffahrt nicht beeinträchtigt werden - was bei den Bojen, die im Normalfall knapp unter dem Wasserspiegel treiben der Fall wäre. Auch für Extremwetterlagen sind die kleinen Kraftwerke gerüstet: Bei Hochwasser steigen sie dank der Verankerung mit Ketten irgendwann nicht mehr höher, größeres Treibgut schwimmt somit einfach über sie hinweg - obwohl selbst eine Kollision mit einem ausgewachsenen Baumstamm den Bojen dank ihrer Form laut Hersteller keine Schäden zufügen soll. Bei extrem niedrigem Pegelstand verharren sie dagegen einfach am Boden.

Die Vorserienboje kostete 275.000 Euro, die Modelle für den regulären Betrieb sollen etwas billiger werden. Der Leiter des bundesweiten Netzwerks Technologiekompetenz Fluss-Strom, Ingenieur Mario Spiewack, kann sich sogar vorstellen, dass die Mini-Kraftwerke weltweit dezentral in Regionen ohne Stromversorgung auskommen. Denn umweltfreundlicher und leiser als Dieselaggregate sind sie allemal. Wir sind auf jeden Fall gespannt - und vielleicht sind die Bojen irgendwann so ausgereift und klein, dass wir sie im heimischen Teich zur Energiegewinnung verwenden können. Aber bis dahin fließt sicher noch viel Wasser den Rhein hinunter.