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Madrid - Europas pubertierende Metropole

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„Alle Wege führen nach Rom“ heißt in Spanien wohl eher: „Alle Wege führen nach Madrid“. Die Hauptstadt Spaniens, die sich schon unter der Herrschaft der Araber im 9. Jahrhundert entwickelte, bildet das geographische wie auch politische Zentrum der iberischen Halbinsel. Die Plaza Puerta del Sol, der Platz der Sonne, ist der genaue Mittelpunkt - hier beginnen am Kilometer Null alle großen Straßen, die wie Sonnenstrahlen ganz Spanien durchqueren. Gleichzeitig ist Madrid das spanische Zentrum der Macht: Hier sitzen Parlament und Senat. Aber auch der König und seine Familie residieren dort seit dem Mittelalter.

Trotz ihrer überragenden Bedeutung für das Land ist Madrid im Vergleich der europäischen Hauptstädte eine relativ junge Stadt: Erst im 9.Jahrhundert ließ der Emir von Córdoba eine maurische Burg errichten. Um sie herum bildete sich das Dorf „Mayrit“, der wahrscheinliche Ursprung des späteren Namens Madrids. Die damalige arabische Präsenz ist jedoch heute kaum noch sichtbar. Nach blutigen Kämpfen übernahmen die Christen die Vormachtstellung in der Region, in der damals die Städte Toledo und Segovia um ein Vielfaches bedeutender waren als das kleine Madrid.

Auftrieb bekam das damalige Nest erst 1561 durch die Entscheidung Königs Phillip II., seine Residenz nach Madrid zu verlegen. Er wählte die Stadt, da sie politisch ein unbeschriebenes Blatt war und trotzdem eine Burg besaß. Das hieß, es gab keine alteingesessenen Familienclans, die dem König hätten Konkurrenz bieten können. Kurzerhand ließ er die Burg zum Palast umbauen. Als der König in Madrid einzog, besaß die neue Hauptstadt allerdings nicht einmal Stadtrechte. Unter anderem deshalb erinnert heute wenig an den König, dem Madrid seinen Status verdankt – außer dem Retiro-Park mitten in der Stadt. Er ist dreimal so groß wie der Central Park in Manhattan und dort steht bemerkenswerterweise die einzige Statue weltweit, die dem gefallenen Engel Lucifer gedenkt, also Satan persönlich. Passenderweise steht der Sockel der Statue auf einer Höhe von exakt 666 Metern über dem Meeresspiegel.

Die goldenen Jahre brachten Spanien durch die Kolonien in Amerika viele Reichtümer ein – und Madrid entwickelte sich auch baulich zur Weltstadt, die es heute ist. 1808, auf dem Höhepunkt der französischen Macht, zog Napoleons Bruder Joseph Bonaparte als König von Spanien in Madrid ein. Die Franzosen ließen Klöster und ganze Stadtviertel niederreißen und schlugen am 2. Mai 1808 einen Aufstand blutig nieder, was weitere Revolten in ganz Spanien auslöste. In Madrid ist der Tag deshalb heutzutage ein arbeitsfreier Stadtfeiertag. Der unbeliebte – und alkoholabhängige – Joseph Bonaparte floh bereits 1812 aus Madrid.

Ein weiteres unrühmliches Kapitel war die Herrschaft Francisco Francos, die nach dem Spanischen Bürgerkrieg 1939 begann. Fast vier Jahrzehnte lang stand der faschistische Diktator an der Spitze des Landes. Erst nach seinem Tod 1975 wandelte sich Spanien in eine Demokratie. Die neuen Freiheiten ermöglichten es den Madrilenen, ihre Stadt zu einer großen, bunten und freien Partylocation für Jedermann zu werden. Diese Bewegung nannte sich „Movida Madrilena“.  Selbst der ehemalige Universitätsprofessor und spätere Bürgermeister Madrids Enrique Tierno Galván riet seinen Madrilenen: „a colocarse y ponerse al loro“ – „Macht so viel Party wie ihr könnt!“

Das ließen sich die Madrilenen nicht zweimal sagen und befolgen das Gebot noch heute konsequent: Ab 17 Uhr mutiert die Stadt zu einem lebendigen Moloch, den Christina Buth von der ARD mit einer Stadt in der Pubertät verglich. Denn, wie gesagt, ist Madrid eine junge Hauptstadt: Als vergleichbare Metropolen schon „erwachsen“ waren, lag Madrid auf seinem Hochplateau 700 Meter über dem Meeresspiegel (was sie zur höchstgelegenen Hauptstadt der Europäischen Union macht) noch im Halbschlaf. Und während London schon eine U-Bahn besaß, musste Madrid noch ein ganzes Jahrhundert darauf warten. Dafür hat die Madrider U-Bahn die meisten Rolltreppen aller U-Bahn-Systeme weltweit, mit immerhin 1656 Stück.

An Silvester gibt es in Madrid eine Tradition, die sich vom in Deutschland üblichen Bleigießen oder dem mitternächtlichen Linsenessen in Italien,  das die finanzielle Zukunft sichern soll, unterscheidet: Um Mitternacht versammeln sich die Madrilenen auf der Plaza Puerta de Sol und essen um Punkt Mitternacht zwölf Trauben, pro Glockenschlag eine. Erst danach fallen sich die Traubenesser in die Arme und feiern das neue Jahr mit ausreichend gegorenem Traubensaft. Aber zu feiern gibt es in Spanien auch ansonsten genug – auch und gerade im Fußball.

Die „Königlichen“ von Real Madrid sind seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine große Hausnummer im internationalen Fußball: Mit der Verpflichtung von Alfredo di Stefano, erster vieler Real-Vereinslegenden wurde der Grundstein für das „Weiße Ballett“ gelegt. Bis heute zieht es die besten Spieler der Welt nach Madrid. Real gelang es als erstem Verein seit Gründung der Champions League, den Pokal mit den großen Ohren zu verteidigen – und das sogar zweimal in Folge. Auch Stadtrivale Atlético soll nicht unerwähnt bleiben: Seit 2010 gewannen die Rotweißen dreimal den kleinen Bruder der Champions League, die Europa League – zuletzt 2018. In diesem Jahr kommen also die Titelträger beider großer europäischer Vereinswettbewerbe aus einer Stadt.

In Madrid gibt es außerdem das älteste Restaurant der Welt, das Sobrino de Botin. Es wurde im 18.Jahrhundert eröffnet und ist naturgemäß ein Touristenmagnet. Doch Madrid hat noch viel mehr zu bieten: Hier unsere Tipps, was Sie sich nicht entgehen lassen sollten.

Restaurant: Mercado de San Miguel

Wer ganz Spanien auf einmal kulinarisch entdecken will, ist hier im über 100 Jahre alten Lebensmittelgroßhandel richtig aufgehoben. Von Meeresfrüchten über iberischen Schinken bis zu speziellen Käsesorten ist dort fast jede spanische Leckerei an über 20 Ständen vertreten. Lassen Sie sich nicht die Tapas entgehen!

Restaurant Puerta 57

Einmal im Stadion der Königlichen zu Abend essen: Ein Traum, den Sie sich im Puerta 57 erfüllen können. Mit Blick auf den Rasen können hier in eleganter Atmosphäre leichte Snacks und Gerichte bestellt werden. Dazu werden nur die besten Weine gereicht.

Restaurant Café Grill La Luna in Alcobendas

Etwas außerhalb, aber bekannt für seine familiäre Atmosphäre und gemütlichen Plätze. Hier gibt es internationales Essen, Burger, Tapas und exklusive Salate.

Bar: Torres Bermeja

Wer nicht nur traditionelle nationale Gerichte essen möchte, sondern auch Flamenco-Gesangs- und Tanzshows erleben möchte, ist hier genau richtig. Allein das arabisch dekorierte Lokal versetzt einen in eine magische Welt von Tausendundeiner Nacht.

Restaurant Casa Labra

Das 1860 gegründete Restaurant schafft den Spagat zwischen Tradition und Moderne: Gemütlich an holzvertäfelten Wänden lehnen und von Marmortischen aus dem vergangenen Jahrhundert speisen. Die berühmten Kabeljau-Rezepte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Die Karte ergänzen Fleisch- und Tapas-Gerichte.

Hotspot: „La Latina“-Viertel

Sehr interessantes, weltoffenes Viertel mit vielen Bars und Tavernen, die zum Tapasessen einladen. Gut erreichbar durch die öffentlichen Verkehrsmittel und daher eine klasse Möglichkeit für entspannte Abende. Besonders ist der sonntäglich stattfindende Flohmarkt „ El Rastro“, auf dem man alles von Trödel bis Kleidung bekommt.

Hotspot: Parque Madrid Rio

Der Manzanares fließt durch Madrid und wird seit 2012 durch den Park Madrid Rio ergänzt. Das schöne spanische Wetter lockt viele Einwohner und Touristen in die gepflegte Parkanlage, die durch ihre Blumen- und Begrünungsarrangements besticht. Wer also Ruhe vor dem Stadttrubel Madrids sucht, bekommt dort eine Portion Entspannung.