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„Es ist in meinem Kopf!“

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„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein Fluch im Achatenen Reich, einem dem kaiserlichen China nachempfundenen Reich aus Terry Pratchetts Scheibenwelt-Zyklus. Ob das auf der Erde nun ein Fluch oder ein Segen ist, liegt im Auge des Betrachters – fest steht allerdings, dass wir in der Tat in interessanten Zeiten leben. Die technologische Entwicklung schreitet rasend voran, künstliche Intelligenz ist das vielleicht heißeste Thema überhaupt. Und längst keine Science Fiction mehr, wie wir in zwei früheren Beiträgen bereits berichteten. Aber smarte Assistentinnen und schlaue Wearables sind längst nicht das Ende der Fahnenstange. Zumal KI das jährliche Wachstum der globalen Wirtschaft um 1,2 Prozent erhöhen könnte, wie die Unternehmensberatung McKinsey errechnet hat.

Wie das Wetter wird, sagt uns eine App - und nicht die Tagesschau. Wie wir an die günstigsten Bahn-Fahrkarten kommen, sagt uns eine App - und nicht die freundliche Beamtin am Schalter. Wie wir am besten mit dem Auto von A nach B kommen, sagt uns eine App - und nicht ein Straßenatlas. Digitale Helferlein nehmen uns schon heute viele lästige Aufgaben ab, sparen uns Zeit, Mühe und Nerven und werden dabei immer schlauer. Damit machen wir uns aber auch von ihnen abhängig: Wären wir ohne Navi noch in der Lage, allein anhand der Straßenschilder und unseres Orientierungssinnes zu unserem Ziel zu finden?

"Wir verlieren unsere Fähigkeit, uns zu orientieren, delegieren diese an eine Maschine, und am Ende haben wir diese Fertigkeit verloren und werden abhängig - die Maschine hilft uns nicht aus, sondern sie leitet uns", sagt Physiker und Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar. Er sieht die Entwicklung künstlicher Intelligenz skeptisch: "Wir Menschen spielen auf dem Feld der künstlichen Intelligenz gerade mit einem Tigerbaby herum und finden das ganz toll - doch irgendwann ist das kein Baby mehr, sondern ein gefährlicher Tiger." Damit bewegt sich Yogeshwar auf einer Wellenlänge mit Tesla-CEO Elon Musk, der künstliche Intelligenz für eine Dämonenbeschwörung hält. KI-Programme fegen Menschen inzwischen bei vielen Spielen, bei denen es um Kreativität und Strategie geht - wie Go oder 2048 - ohne große Mühe vom Brett und entwickeln sogar eigene, neue Strategien.

Allen Kassandrarufen zum Trotz machen wir uns künstliche Intelligenz sehr gerne zunutze, auch beim Film: Für die epischen Schlachten in "Herr der Ringe" erzeugte das Software-Paket "MASSIVE" tausende Schauspieler mit eigener künstlicher Intelligenz. Sie kommt auch in vielen anderen Filmen zum Einsatz, darunter "I, Robot", "300" und in der Fernsehserie "Dr. Who". Zudem sind Roboter mit künstlicher Intelligenz bereits vereinzelt in der Altenpflege im Einsatz, denn sie können bereits Emotionen simulieren und auf menschliche Emotionen reagieren.

Das ist übrigens nicht erst seit gestern der Fall: 1966 veröffentlichte Joseph Weizenbaum, einer der Gründerväter künstlicher Intelligenz, ein recht einfaches Sprachprogramm namens ELIZA. Dieses Programm war imstande, ein Gespräch mit Menschen zu führen und durch Mustererkennung Antworten zu formulieren. Das funktionierte so gut, dass Weizenbaums Sekretärin und viele andere ernsthafte Gespräche mit dem Programm führten. Den Forscher ängstigte diese Entwicklung so sehr, dass er sich zu einem lautstarken Kritiker von KI entwickelte. Heute sind die Intelligenzen ausgefeilter, so dass einige Experten davon ausgehen, dass bis 2050 Ehen zwischen künstlichen Intelligenzen und Menschen legal sein werden. In Sachen Gleichberechtigung sind die Maschinen übrigens weiter als wir: Roboter und KI-Assistenten haben meist eine weibliche Stimme, weil sie emotionaler, weicher und weniger bedrohlich klingt als die von Männern.

Die Entwicklung geht allerdings noch weiter und könnte dafür sorgen, dass das Sprichwort: "Man kann jemandem nur vor, nicht in den Kopf schauen" womöglich seine Gültigkeit verliert. Facebook jedenfalls hat angekündigt, dass wir in wenigen Jahren unsere Textnachrichten ins Smartphone hineindenken können. Ranga Yogeshwar hält das derzeit noch für Sicence Fiction: "Das Gehirn ist die komplexeste Struktur, die wir kennen, und alle unsere Gehirne sind unterschiedlich. Es wird höchstens rudimentäre Übersetzungen aus der biologischen in die elektronische Welt geben."

Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die gemeinsam mit Yogeshwar vom "Stern" interviewt wurde, sieht die Sache optimistischer: In ferner Zukunft könnten unsere Gehirne über eine sehr starke Funkverbindung vernetzt sein und gewissermaßen ein Schwarmbewusstsein in der Cloud schaffen. Zwar sei der Weg noch weit und bisher nur kleine Bereiche des Gehirns ansteuerbar - aber man mache Fortschritte. Für Parkinson- oder Locked-in-Patienten definitiv ein Segen. Auch die Sorge nach der zunehmenden Digitalisierung des Menschen teilt sie nicht - schließlich sind wir längst Cyborgs: "Unser Smartphone ist schon ein Teil von uns. Noch liegt es in meiner Hand. Aber es ist nur eine Zeitfrage, wann es in uns hineinwächst."

Wir scheinen diesen Neuerungen jedenfalls - noch - sehr positiv gegenüberzustehen. Es gibt inzwischen Firmen, die ihren Mitarbeitern einen Chip implantieren - zur Zeiterfassung, Zugangskontrolle und Freischaltung der Kaffeemaschine. Im Prinzip werden so aus Mitarbeitern gechippte Haustiere und machen das auch noch freiwillig mit. Wir finden die Idee gar nicht mal so toll: Was, wenn unser Chef unseren zugegebenermaßen astronomischen Kaffeekonsum überwacht und nach der fünften Tasse sagt: "Stopp, das wird mir zu teuer und gut für Ihr Herz ist es auch nicht"?