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Was uns bewegt - Siehst Du, wie viel Sternlein stehen

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Sterne faszinieren uns seit Anbeginn der Zeit. Sie waren religiöse Fixpunkte, dienten der Navigation, inspirieren damals wie heute Autoren und Filmemacher zu weltbekannten Science-Fiction-Werken und bekannte R’n’B-Sängerinnen aus Barbados zu Vergleichen mit Diamanten. Dass wir heute anders zu ihnen aufblicken als noch im Mittelalter, hängt maßgeblich mit einem Namen zusammen: Galileo Galilei.

Für unsere Vorfahren von der Steinzeit bis ins Mittelalter hatten die Himmelskörper hauptsächlich religiöse Bedeutung. Im Christentum glaubte man, dass sich hinter Sonne, Mond und Planeten sich drehende, kristalline Sphären befanden, in denen sich die Sterne befanden. Und dahinter als äußerste Sphäre das „Primum Mobile“, das sich durch Gottes Berührung drehte. All dies bestand, so glaubten die Menschen, aus Äther – und meinten damit nicht das Betäubungsmittel, sondern ein von Aristoteles postuliertes, makelloses fünftes Element.

Auftritt Galileo Galilei: Der Mathematiker unterrichtete seit 1592 an der Universität von Padua - und verkaufte zusätzlich wissenschaftliche Instrumente. Denn Galileo war nicht nur Wissenschaftler, sondern auch den profanen Genüssen nicht ganz abgeneigt: Er benötigte das Geld unter anderem, um die drei Kinder, die er mit seiner Geliebten gezeugt hatte, finanziell zu unterstützen. Gleichzeitig erregte er mit seinen Experimenten zu Pendelbewegungen, Fallgesetzen und Beschleunigung regelmäßig Aufsehen in der akademischen Gemeinschaft – und bei der katholischen Kirche.

Man schrieb das Jahr 1609 und in den Niederlanden wurde ein neuartiges Fernglas zur Vergrößerung von Objekten entwickelt. Im Englischen hieß die Erfindung „Spyglass“. Man muss kein Genie wie Galileo sein, um daraus zu schließen, dass der ursprüngliche Zweck des Apparates nicht die Himmelsbeobachtung gewesen sein kann. Der Wissenschaftler hingegen hatte eine andere Verwendung im Sinn, baute – ohne die Originalbaupläne zu kennen – ein eigenes, wesentlich leistungsfähigeres Exemplar und richtete es in den Himmel. Und was er sah, passte gar nicht in die damals geltenden Dogmen der Kirche – und damit der Gesellschaft insgesamt.

Galileo richtete sein Fernglas auf einen der von Gott geschaffenen und damit per Definition perfekten Himmelskörper: den Mond. Was er dort sah und in Zeichnungen festhielt, passte so gar nicht zur Theorie des göttlichen Ursprungs des Erdtrabanten: Die Oberfläche nicht glatt geschliffen und makellos, sondern pockennarbig, übersät von Hügeln, Geröll und Kratern – der Erde also in der Struktur nicht unähnlich. Damit nicht genug, stellte er überdies fest, dass auch der Jupiter über Monde verfügte, die Erde also keineswegs so einzigartig war wie die Kirche behauptete.

Kurz gesagt: All seine Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass Kopernikus‘ Annahme, dass sich die Erde und alle anderen Planeten des Sonnensystems um die Sonne bewegten, zutraf. Die Veröffentlichung dieser Funde im „Sidereus Nuncius“ („Sternbote“ bzw. „Nachricht von den Sternen“) 1610 machten ihn schlagartig berühmt. Zum offenen Konflikt mit der Kirche kam es zur damaligen Zeit noch nicht, da Galileo sich nicht offen gegen die geltenden Glaubensdogmen stellte. Er erklärte, dass eine mit dem System von Kopernikus verträgliche Bibelauslegung möglich sei – damit war die Gefahr einer Verfolgung durch die Inquisition abgewandt.1632 kam es dann aufgrund des Schlussworts in seinem Werk „Dialogo“ doch zur Anklage durch die Inquisition – und Galileo musste seinen „Fehlern“ abschwören. Er wurde zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt, was unter den Kardinälen allerdings umstritten war: drei von zehn unterschrieben das Urteil nicht. Das trotzige „…und sie bewegt sich doch!“, das Galileo beim Verlassen des Gerichtssaals gemurmelt haben soll, wird inzwischen allerdings mehrheitlich angezweifelt. Aus gutem Grund: Wäre dieser gezischte Ungehorsam einem Kirchenoberen zu Ohren gekommen, hätte er sich statt im Kerker voraussichtlich doch, wie zu Anfang des Prozesses zu befürchten stand, auf dem Scheiterhaufen wiedergefunden.

Immerhin: In Kerkerhaft blieb der Gelehrte nicht und verbrachte sein weiteres Leben unter Hausarrest. So war es ihm möglich, weiter zu forschen und sein physikalisches Hauptwerk „Discorsi e Dimostrazioni Matematiche intorno a due nuove scienze“ zu beenden. 1642 starb Galileo in Arcetri. Ein feierliches Begräbnis wurde zunächst unterbunden, erst 1737 wurde er in das „Pantheon von Florenz“, die Basilika Santa Croce, überführt. Galileo befindet sich in bester Gesellschaft, denn dort ruhen mit Niccolò Machiavelli, Michaelangelo und Gioachino Rossini noch weitere große Fiorentiner.

Dabei allerdings wurden ihm wohl einige Körperteile abgetrennt: 2009 präsentierten Forscher des Instituts und Museums für Wissenschaftsgesichte die skelettierten Überreste eines Mittelfingers, eines Daumens und einen Zahn, die laut DNA-Untersuchungen von Gallileo stammen sollen. Ob insbesondere der Mittelfinger damals mit dem Hintergedanken abgetrennt wurde, der Kirche selbigen entgegenzurecken, bleibt Spekulation.

Aber falls es einen Himmel im christlichen Sinne gibt, dürfte Galileo mit großer Befriedigung zugesehen haben, wie die Aufklärung trotz aller Bemühungen der Kirche ihren Triumphzug antrat. Am Ende steht sogar ein Sieg auf ganzer Linie: 350 Jahre nach seinem Tod rehabilitierte ihn die katholische Kirche im Jahr 1992 – während mit „Stars“ von Simply Red ein passendes Lied in den Charts stand.