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Stadt, Land, Smart!

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Stadt-Land-Vergleiche sind beliebt. Auf den einschlägigen Social-Media-Plattformen wie Twitter etwa: Wer auf dem Land um 8 Uhr morgens einkaufen geht, werde schief angesehen, weshalb er so spät erst aus dem Haus gehe, während man um die gleiche Zeit in der Stadt das Zirpen der Grillen hören könne. Das ist natürlich Quatsch: Auf dem Land gibt es schließlich viel mehr Grillen und dort ist es auch ruhig genug, dass man sie tatsächlich hören könnte, wenn man denn wollte.

Auch bei uns in der Redaktion gibt es den Stadt-Land-Gegensatz: Hier das Dorfkind, dem alle Ansiedlungen über 10.000 Einwohner zutiefst suspekt sind, dort der Städter, der alles unter 50.000 Einwohner für ein verschnarchtes Nest hält. Über Geschmäcker lässt sich bekanntlich streiten. Unstrittig aber ist: In Sachen Internet und smarte Technologie haben die Städter die Nase vorn. Noch.

Im westpfälzischen Kaiserslautern forschen Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts daran, den ländlichen Raum fit für die Technologie von morgen zu machen. Das soll einerseits die Landflucht verhindern, andererseits auch und gerade Senioren mit eingeschränkter Mobilität nutzen. Die „Smart Rural Areas“ sind Pilotprojekte, die es nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern auch in Bayern und – etwas überraschend – Berlin gibt.

Rund 90% Deutschlands zählen zum ländlich geprägten Raum - gerade der Osten Deutschlands ist nur sehr spärlich besiedelt. Seit Jahren nimmt die Landflucht immer weiter zu. Das heißt, speziell junge Leute zieht es aus den verschiedensten Gründen in die Städte. Beruf oder Ausbildung sind dabei ausschlaggebend, aber auch die oft schlechte oder gänzlich fehlende Infrastruktur.

Genau an diesem Punkt setzen die „Smart Rural Areas“ des Fraunhofer-Institutes an: Das Hauptziel ist die Verbesserung der Infrastruktur im Bereich Internet und smarte, softwarebasierte Lösungen. Der Hintergedanke ist dabei, attraktive, ländliche Regionen zu schaffen, die so eine echte Alternative zur „Smart City“ sein sollen. Erster Schritt in diese Richtung ist der Ausbau der Netzabdeckung und des schnellen Internets, denn ohne diese Voraussetzungen ist es nicht möglich, wirtschaftlich zu arbeiten, geschweige denn in der heutigen Zeit zwischen Facebook und Amazon zu leben. Wie schnell aber die Grundvoraussetzung eines smarten ländlichen Raumes – schnelles Internet – bereitgestellt wird, ist eine Frage für die Politik. Bisher ist außer wohlfeilen Absichtserklärungen wenig passiert.

Beim Fraunhofer-Institut hat man trotzdem schon mal angefangen: Die Forscher wählten Betzdorf und Eisenberg/ Göllheim in Rheinland-Pfalz als Testdörfer aus. Hauptbestandteil des Modellversuchs ist die App „BestellBar“, die jedem Einwohner zur Verfügung steht. Auf dieser Plattform bieten regionale Händler ihre Waren oder Dienstleistungen, private Nutzer ihre Hilfe im Garten oder ihre Tätigkeit als Babysitter, an. All diese „Bestellungen“ werden entweder als Tauschgeschäft abgeschlossen oder durch „DigiTaler“ gekauft. Diese Taler wiederum können direkt für einen anderen Kauf auf der „BestellBar“ genutzt werden. Ergänzt werden die zwei Apps durch weitere eigene Apps wie die „Tauschbörse“. Diese Applikationen fokussieren sich dann auf Teilgebiete oder nutzen bereits bekannte und etablierte Systeme wie Car-Sharing-Modelle oder die Onlineterminvergabe für Arztsprechstunden.

Ein einfaches Beispiel: Karl-Heinz Müller kauft beim Bäcker im Nachbardorf eine Torte zum Geburtstag seiner Tochter. Dieses Dorf ist 20 Kilometer weit weg und Karl-Heinz Müller hat kein Auto, da er in der örtlichen Filiale einer Bank arbeitet und keines benötigt. Also platziert er in der „BestellBar“ einen Auftrag, die Torte zu sich nach Hause liefern zu lassen. Adelheid Schmidt sieht die Anfrage auf der App „LieferBar“ und hilft gerne, denn sie fährt jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit an dieser Bäckerei vorbei. Also nimmt sie den Auftrag an, holt die Torte auf dem Heimweg ab und liefert sie persönlich beim Geburtstagskind ab.

Die beiden Apps wurden vom Fraunhofer-Institut programmiert und bilden die Grundsteine für die digitalen Dörfer. Denn jede Bestellung auf der „BestellBar“ löst einen Auftrag in der „LieferBar“-App aus, den dann jeder App-User annehmen kann. Das hat dann zwei Auswirkungen. Die Erste: Karl-Heinz Müller hat ohne Probleme seine Torte geliefert bekommen, es sind keine unnötigen Umweltbelastungen durch ein weiteres Auto entstanden und der große Vorteil: die ländliche Gesellschaft wächst täglich näher zusammen. Die Formel, aus der sich die „Smart Rural Area“ zusammensetzt, besteht aus Digitalisierung, das heißt Ausbau der Netzte und Bereitstellung der verschiedenen Apps, und Bürgerengagement.

Klingt gut, oder? Jeder einzelne kann sich dafür einsetzten, dass sein Dorf smart wird, dass es nicht ausstirbt und dass sich im ländlichen Gebiet ein zukunftsfähiges Lebens- und Gesellschaftsmodell bildet. Mit der Einführung der Apps und deren Nutzung zur Kooperation sollte aber noch lange nicht Schluss sein. Denn was verbindet man mehr als die Dorfbewohner mit dem Land? Die Bauern. Ein weiteres Projekt ist daher das Smart Farming oder Cyber Farming: Kühe werden getrackt, Gesundheitsdaten können abgerufen und der optimal Zeitpunkt zum Melken oder zum In-den-Stall-Bringen können ermittelt werden.

Und wer weiß? Wenn’s klappt, kommen unsere Freunde vielleicht zurück aus Berlin.