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Karneval der Zwiebeln

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Woran denken Sie beim Stichwort Karneval? Köln? Düsseldorf? Venedig? Wir als Vollblutkarnevalisten spekulieren mal: Wahrscheinlich nicht Aalst. Dabei gilt die Stadt 24 Kilometer nordwestlich von Brüssel als Belgiens Karnevalshochburg. Doch nicht nur das: Aalst ist auch das Zentrum der belgischen Schnittblumenzucht und für sein Bier, seine Aperitifs und Schokolade bekannt. Gar nicht schlecht für eine 85.000-Einwohner-Stadt!

Die Ursprünge Aalsts lassen sich bis in die Römerzeit zurückführen: Antike Funde legen nahe, dass zumindest das Gebiet um die heutige Stadt damals besiedelt war. 870 nach Christus wurde Aalst erstmals urkundlich als Burg erwähnt. Im Laufe der Jahrhunderte gelangte die Stadt durch den Hopfenanbau zu Wohlstand und noch heute genießt Aalster Bier einen hervorragenden Ruf. Das spiegelt sich auch in der fünftätigen "Podge's"-Biertour wider, die im Stadtzentrum von Aalst ihren Dreh- und Angelpunkt und die Teilnehmer auf einen Parforceritt durch die Braukunst Belgiens mitnimmt.

Durch die Zeit der französischen Besatzung zwischen 1667 und 1706 erlebte auch die Textilindustrie der Stadt einen Boom, der unter anderem deshalb bis heute anhält. Dabei wird nicht nur Kleidung selbst produziert, sondern auch die dafür notwendigen Maschinen. Der wachsende Wohlstand der Stadt sorgte auch für einige architektonische Sehenswürdigkeiten, die bis heute Touristen anziehen. Nach einem Großbrand, der 1360 das Rathaus und weite Teile der Stadt vernichtete, wurde Aalst wieder aufgebaut und ein neuer gotischer Glockenturm neben dem Rathaus errichtet. Mit seinem 52 Glocken zählenden Carillon (ein Glockenspiel) ist der Turm der älteste Belgiens und gehört zusammen mit dem Schepenhuis - dem alten Rathaus - zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Ironischerweise markierte der Brand den Anfang der wirtschaftlichen Blütezeit der Stadt, die von der mächtigen Webergilde dominiert wurde. 1473 eröffnete Dirk Martens die erste Buchdruckerei der südlichen Niederlande und veröffentlichte Bücher verschiedener zeitgenössischer Autoren, darunter Christoph Kolumbus. 1480 wurde mit dem Bau der "unvollendeten" spätgotischen Martinskirche. Geplant als Kathedralkirche für das Land von Aalst nach dem Vorbild der Kathedrale von Amiens sollte sie durch Geldnot niemals fertig werden. Dennoch ist die Kirche einen Besuch wert: Dort befindet sich Peter Paul Rubens' Gemälde "Der heilige Rochus, Schutzheiliger der Pestkranken", das er angeblich in nur acht Tagen gemalt haben soll. Eine weitere Anekdote zu dem Bild besagt, dass ein Amerikaner das Bild habe kaufen wollen und angeboten habe, die Vollendung der St. Martinskirche zu bezahlen - was die Stadt ablehnte.

Neben der Textilindustrie sorgte, wie erwähnt, der Hopfenanbau für Wohlstand. Daneben wurden insbesondere im 19. Jahrhundert im Umland der Stadt auch Zwiebeln angebaut und auf dem überregional bekannten Zwiebelmarkt verkauft. Wenig überraschend wurden die Bürger der Stadt daraufhin spotthaft als "Zwiebeln" bezeichnet - besonders im Zuge der karnevalistischen Fehde mit der Nachbarstadt Dendermonde. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Aalster ihren Spottnamen nicht nur mit Fassung trugen, sondern auch liebgewannen - schon bei einem Karnevalsumzug 1890 bildeten sie ihre Stadt in Form einer Zwiebel ab.

Zwiebeln spielen im Aalster Karneval also eine bedeutende Rolle: Der alte Glockenturm ist Schauplatz des traditionellen "Zwiebelwerfens": Hier werfen der Karnevalsprinz und Mitglieder des Festkommittees Süßigkeiten von der Größe einer Zwiebel in die Menge - inklusive des Hauptpreises: einer goldenen Zwiebel, die jedes Jahr extra für den Karneval entworfen wird. Am Sonntag findet der große Karnevalsumzug inklusive Mottowagen statt. Zwei Tage später, am Karnevalsdienstag, schlägt die Stunde der "Voil Jeannetten" - Männern, die sich als Frauen verkleiden. Diese Tradition geht auf die Zeit zurück, als die ärmeren Schichten sich keine Kostüme leisten konnten und stattdessen die abgetragenen Kleider ihrer Frauen trugen. Abends enden die Feierlichkeiten mit der "Verbrennung der Puppe". Der Aalster Karneval gehört - trotz einiger Kontroversen in den letzten Jahren - zur UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit.

Was es über Karneval, Bier und unvollendete Kirchen hinaus in der 85.000-Einwohner-Stadt noch zu sehen und zu erleben gibt, haben wir wie immer für Sie zusammengetragen:

Restaurant: Kelderman (www.visrestaurant-kelderman.be)
Exzellente Fischgerichte mit Langusten, Steinbutt, Seebarsch und mehr in Verbindung mit einem gemütlichen Ambiente und einer umfassenden Auswahl an Weinen und Aperitifs bietet das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Fischrestaurant Kelderman. Mit zwei separaten Räumen bietet sich das Restaurant auch an, ein Meeting mit einem erlesenen Mittagessen zu verbinden.

Restaurant: De Frigo (www.defrigo.be)
Wem es statt nach Meeresfrüchten eher nach Fleischspezialitäten gelüstet, der fühlt sich im De Frigo bestens aufgehoben. In den Räumlichkeiten einer früheren Metzgerei und zum Großteil noch im Ambiente von 1910 gehalten, bietet das De Frigo eine große Bandbreite von Rib-Eye-Steaks aus unterschiedlichen Regionen über Steak Tartare bis hin zu Pferdefilet.

Restaurant: Mozart (www.mozart-resto.be)
Ob Wolfgang Amadeus Mozart ein Enthusiast ausgesuchter Fleischgerichte war, ist nicht überliefert. Das "Mozart" bietet neben einer breiten Bier- und Aperitifauswahl hausgemachte Spare Ribs nach verschiedenen Hausrezepten, T-Bone-Steaks und Lammkoteletts in edlem Ambiente auf dem Gelände des Aalster Klosters.

Bar: De Geniepegen Drauk (degeniepegendrauk.business.site)
Sofa-Atmosphäre im Chic der 70er Jahre und dazu Oldscool- und angesagte aktuelle Cocktails sowie eine breite Bierauswahl regionaler Brauereien: Das bietet das "De Geniepegen Drauk" - Geselligkeit und Auftritte von Künstlern inklusive. Für Jung und Alt ein perfekter Treffpunkt, um einen anstrengenden Tag ausklingen zu lassen.

Bar: 't Apostelken (www.apostelken.be)
Bar und Biermuseum in einem finden Gäste im "'t Apostelken" - vom einfachen Toast Hawaii über Spaghetti Bolognese bis zu Käsekroketten reicht die Auswahl an Snacks, über 250 Biersorten stehen passionierten Genießern zur Auswahl. Ein engagierter Sammler hat außerdem über 5.000 (noch volle) Bierflaschen aus aller Welt zusammengetragen - zu bewundern im angrenzenden Biermuseum.

Hotel: Keizershof (www.keizershof-hotel.com/nl)
Vier-Sterne-Komfort im Zentrum von Aalst - inklusive exzellenter Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Zur Entspannung stehen den Gästen auch eine Sauna und ein Fitnessraum zur Verfügung, zudem verfügt der Keizershof über eine Tiefgarage. Eine große Hotelbar sowie mehrere Besprechungsräume runden das Angebot ab.

Hotspot: Utopia (utopia.aalst.be)
Utopia ist nicht nur eine Sehnsuchtsvorstellung, sondern ist in Aalst bereits Realität für Liebhaber anspruchsvoller Literatur. Die "beste Bibliothek in Flandern und Brüssel" besticht durch moderne Ausstattung und modernes, aufgeräumtes Design. Ein idealer Platz, um zu entspannen und auf literarische Entdeckungstour zu gehen.

Hotspot: Netwerk Contemporary Art Centre
Das "Netwerk Contemporary Art Centre" in einer ehemaligen Tabakfabrik gilt als eines der aktivsten und besten Kunstinstitutionen im östlichen Flandern. Es bietet eine große Bandbreite an Ausstellungen, Vorträgen zu verschiedenen Kunstthemen und Konzerte - das macht es zum idealen Anlaufpunkt für Touristen, die sich für zeitgenössische Kunst interessieren.