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Gut ist ihm nicht gut genug

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John B. Goodenough entwickelt ein revolutionäres Akku-Konzept

Auch im hohen Alter kann man noch immer Höchstleistungen bringen. Daran erinnern uns täglich ungezählte Artikel in Zeitschriften, TV-Shows, das Bundesgesundheitsministerium und die Apotheken-Umschau. Und Queen Elisabeth II. von England, mit 91 Jahren scheinbar immer noch kein bisschen amtsmüde, zeigt uns, dass Senioren noch enorm leistungsfähig sein können. Ihr Gatte Prinz Philip, 96, kündigte vor kurzem an, ab Herbst keine offiziellen Verpflichtungen mehr wahrzunehmen. 2016 hatte er noch an 110 Tagen Termine wahrgenommen.

Obwohl die Welt ihm eine bahnbrechende Entdeckung verdankt, die ihm in England gelang, ist der Physiker John B. Goodenough etwas weniger berühmt als die Royals. Und das, obwohl auch er im hohen Alter noch zu Höchstleistungen aufläuft: Der 94-Jährige Amerikaner, der noch immer an der University of Texas at Austin lehrt, leitete in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren die Anorganische Chemie der Universität von Oxford.

Er entdeckte im Zuge seiner Forschung, dass sich Lithiumkobaldoxit als Material für den Pluspol von wiederaufladbaren Batterien eignet. Als er 1986 seine Forschung an der University of Texas weiterführte, entdeckte er zusammen mit einem Doktoranden Lithium-Eisenphosphat als mögliches Kathodenmaterial. Er kann daher als einer der Väter der heutigen Lithium-Ionen-Akkus bezeichnet werden.

Anstatt sich in den wohlverdienten Ruhestand zurückzuziehen, forscht Goodenough immer noch an neuen Akkutechniken. Anders als sein Nachname suggeriert, ist für ihn "gut" offensichtlich nicht "gut genug". Gemeinsam mit der portugiesischen Forscherin Maria Helena Braga entdeckte der 1922 in Jena geborene Goodenough im März dieses Jahres eine neue Batterie, die dreimal leistungsfähiger sein soll als Lithium-Ionen-Akkus.

Die Hauptrolle spielt dabei Glas: In der neuartigen Batterie kommt statt flüssiger Elektrolyte Glas als fester Elektrolyt zum Einsatz. Einer der größten Vorteile: Im Gegensatz zu Lithium-Ionen-Akkus hat Glas nicht die Angewohnheit, leicht in Brand zu geraten. Falls die neue Batterie also hält, was sie verspricht, dürften etliche Großkonzerne von Samsung über Boeing bis Tesla, erleichtert sein.

Apropos Tesla: Für den größten Anbieter von Elektroautos, aber auch für alle anderen Autohersteller, die mit E-Mobilität experimentieren, hätte der neue Glas-Akku einen weiteren großen Vorteil: Glas ist auch bei niedrigen Temperaturen noch leitfähig, so dass auch Temperaturen von -20 Grad kein Problem darstellen würden. Bislang haben Elektroautos im Winter mit sinkender Reichweite zu kämpfen, weil die kühlen Temperaturen die Leistungsfähigkeit der Lithium-Ionen-Akkus verringern.

Für die Umwelt wären die neuen Batterien ebenfalls ein Segen: Glas erlaubt leistungsfähigere Kathoden und Anoden aus Alkalimetallen. Damit wäre die Produktion der Zellen nicht mehr so aufwendig, während sich gleichzeitig Lebensdauer und Energiedichte der Akkus erhöhen. Auch die Kosten sollen sinken: Die Glaselektrolyte ermöglichen den Austausch von Lithium durch Natrium, das quasi unbegrenzt zur Verfügung steht.

Und die Verbraucher? Auch die kommen auf ihre Kosten: Die neuen Glas-Akkus sollen sich laut Goodenough innerhalb einer Minute laden lassen und häufiger geladen werden können, ohne an Leistung einzubüßen. Die Forscher berichten von 1.200 Ladezyklen ohne nennenswerte Leistungseinbußen.

Die Forscher wollen nun eng mit Batterieherstellern zusammenarbeiten, um das Forschungsprojekt zur Serienreife zu bringen. Sollten die großartigen Ergebnisse sich tatsächlich in der täglichen Praxis bewahrheiten, wäre das ein riesiger Fortschritt - angestoßen von einem Forscher, dessen Neugier ihn auch mit 94 Jahren noch antreibt, Großes zu leisten.

Aber was hat das jetzt mit den Royals zu tun? Ganz einfach: Auch Prinz Philip ist in hohem Alter noch umtriebig: Nach offiziellen Angaben ist er in diesem Jahr noch Schutzherr, Präsident oder Mitglied von 780 Organisationen auf der ganzen Welt. Und als wäre das noch nicht genug, vertreibt sich der Gemahl der Königin die Zeit damit, Schmuck, Münzen, Buntglas und Manschettenknöpfe zu entwerfen.

Und die Moral von der Geschicht': Alter schützt vor Erfindergeist nicht!