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Der heiße Atem des Drachen

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Mit einem satten WUMP, das die Erde erzittern lässt, steigt der Drache mit donnerndem Flügelschlag seiner ledrigen Schwingen in die Lüfte empor, schwenkt sein massiges Haupt, öffnet seine gelben Augen und speit der aufgehenden Sonne seinen Flammenatem entgegen. Majestätisch gleitet er über das Firmament, die Menschen klein wie Ameisen unter ihm.

Drachen beflügeln die Phantasie der Menschen über alle Länder und Kulturen hinweg. Sie sind in der Popkultur fest verankert, in Filmen, Serien, Büchern, Computerspielen oder Liedern. Sie sind mal gut und niedlich wie Ohnezahn aus „Drachenzähmen leicht gemacht“, mal böse und bedrohlich wie in „Die Herrschaft des Feuers“ oder mächtige Begleiter, wie Daenerys Targaryens Drogon in der beliebten Serie „Game of Thrones“. Auf alle Fälle sind sie sehr, sehr, sehr mächtig.

Drachen symbolisieren also Macht und Stärke. In der chinesischen Mythologie ist der Drache Überbringer der Wünsche und Hoffnungen der Menschen zum Himmel. Von dort brachte er dann göttlichen Segen zu ihnen zurück. Offenbar war der Segen äußerst wirkungsvoll: Die Volksrepublik China ist von der „Werkbank des Westens“ inzwischen zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde aufgestiegen. Im Hinblick auf ihren wirtschaftlichen, politischen und militärischen Einfluss oft ehrfürchtig als Drache bezeichnet. Nicht ohne Grund, übt die Volksrepublik schließlich immer selbstbewusster ihren Führungsanspruch als zweite Supermacht neben den USA aus. Die europäischen Staaten hat das rote Riesenreich längst überflügelt und die Vereinigten Staaten fühlen bereits den heißen Atem des Drachen im Nacken – daran werden auch die jüngst beschlossenen Wirtschaftssanktionen wenig ändern.

China hat den Wandel von einem Entwicklungs- zu einem Industrieland auf atemberaubend schnelle Weise vollzogen. Nach dem Tod Mao Zedongs 1976 begann unter der Ägide von Deng Xiaoping die schrittweise Öffnung der chinesischen Wirtschaft von einer zentral gesteuerten Planwirtschaft nach sowjetischem Vorbild hin zu einer nach marktwirtschaftlichen Prinzipen organisierten Industriepolitik. Getreu Dengs pragmatischem Motto: „Es ist egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist. Hauptsache, sie fängt Mäuse“ mauserte sich die Volksrepublik seit Anfang der 1980er Jahre zu einer Weltmacht und dem einzigen wirtschaftlich erfolgreichen sozialistischen Land überhaupt. Einem roten Drachen.

Dabei machte China sich zunächst den Hunger des Westens nach immer mehr billigen Produkten und die natürliche Funktionsweise des Kapitalismus zunutze: Da die großen Industrienationen diese Waren nicht mehr billig genug herstellen konnten, lagerten sie die Produktion in Niedriglohnländer aus. Dabei nahm China das Stigma des „Copy-and-Paste“-Staates billigend in Kauf, schließlich sorgte der Kurs für steigenden Wohlstand in der Bevölkerung und atemberaubende Wachstumsraten der Wirtschaft. Der Drache, unter der Obhut Dengs aus dem Ei geschlüpft, wuchs heran. Er wurde größer, stärker, hungriger. Der Lebensstandard stieg, gleichermaßen durch Joint-Ventures und das Internet auch das Know-how – und heute fertigt die Volksrepublik innovative, hochwertige Produkte. Smartphones von Huawei oder Laptops von Lenovo sind prominente Beispiele.

In den Bereichen Künstliche Intelligenz und Elektromobilität sind chinesische Forscher und Unternehmen inzwischen führend, gehören in zahlreichen weiteren Innovationsbranchen zur Weltspitze. Das hat mehrere Gründe: Erstens ist China nach wie vor eine Entwicklungsdiktatur – die Kommunistische Partei hält die Zügel der Wirtschaft ebenso wie die der Gesellschaft fest im Griff. Hinsichtlich Menschenrechten höchst bedenklich, wirtschaftlich aber werden in China Großprojekte in Rekordzeit geplant und umgesetzt. Zweitens gibt es landesweit viele kleine und mittlere Unternehmen, die stark miteinander konkurrieren. Das verhindert, dass erfolgreiche Unternehmen träge werden und Risiken scheuen. Drittens folgen chinesische Geschäftsleute einem konfuzianischen Weltbild, in dem das Unternehmen als Familie betrachtet wird, in der die Mitglieder in Harmonie leben. Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl und die Bereitschaft, über Arbeitszeit und Stundenlohn hinaus für die Firma zu arbeiten. Alle drei Faktoren zusammen tragen dazu bei, dass der Drache immer stärker wird.

Aber wird der Drache immer weiter wachsen, immer stärker werden und irgendwann wie Smaug aus „Der Hobbit“ auf einem riesigen Berg von Schätzen sitzen? Nicht zwangsläufig. Denn in China wächst derzeit eine Generation heran, die – anders als ihre Eltern und Großeltern – nicht mehr die Sorge um ihre Existenz und wirtschaftliche Situation umtreibt, wie Dai Weihui, Professor an der Fudan University, School of Management, konstatiert: „Auch der Anreiz, hart zu arbeiten, fehlt. Aus meiner Sicht wird sich dies in Zukunft sehr negativ auf die Innovationsrate auswirken. Letztendlich wird diese Generation viel mehr zu verlieren haben und der Risikoappetit wird abnehmen“, so Weihui.

Ob es tatsächlich so kommt, bleibt abzuwarten. Schließlich hat 2015 US-Sinologe David Shambaugh von der George-Washington-Universität im Wall Street Journal auch behauptet, die Herrschaft der KP stehe kurz vor dem Ende. Das Gegenteil trat ein; für Staatspräsident Xi Jinping wurde kürzlich gar die Verfassung geändert und die Amtszeitbeschränkung aufgehoben. Auf jeden Fall steigt der Rote Drache derzeit noch weiter auf – für 2018 rechnen Experten mit einem Wachstum der chinesischen Wirtschaft von 6,7 Prozent.